| Abstract:
La ricerca sul futuro, così come la ricerca storica, osserva il
mondo sulla base della differenza passato/futuro. Il presente saggio rimanda,
sul piano sociologico e della teoria dei sistemi, alla problematica di
tale differenza e propone una revisione della comune comprensione del
concetto di futuro che si orienti verso un costruttivismo operativo -
una revisione che potrebbe manifestarsi nel concetto di futurologia. Come
l'emeneutica strutturata secondo la teoria dei sistemi, così tale
futurologia deve comprendersi come una prasseologia che primariamente
non pronostichi il futuro, ma lo produca, innanzitutto, pronosticandolo.
Solo in questa "consapevolezza del fare" la futurologia potrebbe
dare un fondamento a se stessa e alla sua utilità per la società.
Text:
Wie steht es mit der Zukunft?
Wie steht es mit der Zukunft des Begriffes beziehungsweise der Semantik
der Zukunft und seiner jeweiligen Zukunft? Was insbesondere der soziologisch
geschulte Beobachter, dessen ,,Subjekt‘‘ der Erkenntnis die
Gesellschaft ist, weiß
[1]
, ist, dass die Zukunft
nur in der Gegenwart existiert, sich diese gegenwärtige Zukunft ständig
verändert, also selber eine Zukunft und Vergangenheit hat. Und auch diese
hat wiederum eine (analog für den Begriff der Vergangenheit). Betrachten
wir die Sache analytisch, fällt auf, dass wir, wenn wir fragen, was Zeit
ist und den Begriff der Zukunft bestimmen wollen, auf ein Paradox beziehungsweise
einen blinden Fleck stoßen. Die Differenz Zukunft/Vergangenheit kann wiederum
auf sich selber angewendet werden, indem man eben nach der Zukunft/Vergangenheit
der Zukunft/Vergangenheit fragt.
Dieser Gedankengang hat
weitreichende Konsequenzen für den Historiker und Zukunftsforscher/Prognostiker.
[2]
Auf das Arbeitsfeld des
Zukunftsforschers wollen wir uns hier mit der soziologischen Brille auf der
Nase konzentrieren, denn die Zukunft ist ein Problem, was nur innerhalb der
Gesellschaft formuliert und entschieden werden kann.
[3]
Wir wollen das heterogene
und interdisziplinäre Arbeitsfeld der Zukunftsforschung als Futurologie benennen
und damit stärker die logischen, insbesondere epistemologischen Grundlagen der
Zukunftsforschung in den Fokus rücken. Eine Futurologie muss dann (ebenso wie
die Geschichtswissenschaft), das wäre unsere Forderung, auf einen operativen
Konstruktivismus und damit nicht-klassische, genauer mehrwertige und modale
Loggien umstellen, um den Reflexionsanforderungen der Moderne wirklich gerecht
zu werden. Die Zukunftsforschung gewinnt keine reflexive Distanz zu sich
beziehungsweise ihrem Gegenstand, wenn sie weiter in alteuropäischer Manier
versucht Kontingenzen auszuschalten, zu trivialisieren, handhabbar zu machen, denn
der echte Zufall ist prinzipiell nicht ausschaltbar
[4]
, er steckt selber schon in
der Kontingenz der Beobachtung der Welt anhand der Differenz
Vergangenheit/Zukunft, die nicht ontologisch gegeben ist, sondern deren
,,Ursachen‘‘ (wenn man so will)
[5]
in der soziokulturellen
Evolution zu suchen sind, welche die Bedingung der Möglichkeit einer
Beobachtung der Welt anhand dieser Differenz selber erzeugte
(Differenzgesteuertheit soziokultureller Evolution). Letztlich ist es
paradoxerweise die soziokulturelle Evolution selber, die sich, auch mit diesen
hier gerade flatternden Zeilen vollzieht und versucht zu beobachten, wobei die
Welt, als ursprünglich differenzloser Letztbezug gedacht, in der vermeintlichen
Reflexion nur verdoppelt beziehungsweise verändert wird. Selbstbeobachtung
beziehungsweise Selbstbeschreibung tragen also in erster Linie nur zur
Reproduktion soziokultureller Evolution bei. Die theoretische Grundlage für
diesen Gedankengang lieferte N. Luhmann mit der Unterscheidung zwischen
Operation und Beobachtung
[6]
und der darin aufgehenden
Figur des blinden Flecks.
Dass das Problem der
Selbstreferenz auch wirklich ein Problem ist, weiß man heute mehr denn je. Im
Angesicht der zurzeit immer noch nicht richtig überstandenen Wirtschaftskrise,
sei auf zwei in diesem Zusammenhang interessante Überlegungen aus dem Bereich
der Ökonomik hingewiesen. Die eine ist das Morgenstern-Paradox, nach Oskar
Morgenstern benannt, die andere der von John Maynard Keynes so bezeichnete
beauty contest. Beim Morgenstern-Paradox geht es um das Problem der
Unmöglichkeit sich selbst einholender Prognosen in einem Idealmodell. Analysten
prognostizieren den Markt, können das aber nicht als externer Beobachter,
teilen es notwendigerweise dem Markt, anderen Marktteilnehmen und eben sich
selber als Marktteilnehmer mit, und verändern damit notwendigerweise ihren
Untersuchungsgegenstand, nämlich die Marktentwicklung, die aus der Veränderung
der Konfiguration aller Handlungen der Marktteilnehmer besteht. Die Analysten
können dann versuchen, diesen blinden Fleck in ihrer Prognose einzuholen, quasi
auch noch mit zu berücksichtigen, dass durch das Prognostizieren andere und
eigene Erwartungen verändert werden. Es wird ihnen aber letztlich nicht
gelingen, jedenfalls nicht anhand der klassischen Logik. Beim beauty contest
geht es um ein ähnliches Problem, das auch mit dem Hauptproblem der Soziologie,
jenem der doppelten beziehungsweise multiplen Kontingenz, zusammenhängt. Wie
ist soziale Ordnung möglich (man denke an Hobbes, Parsons usw.)? Oder: Ich
weiß, dass du weißt, dass ich weiß usw. Das führt wie beim Morgenstern-Paradox
in einem Idealmodell zu einem infiniten Regress, wobei keine Handlung zustande
kommen wird. Schaut man vom theoretischen Idealmodell nun in die Realität, wo
immer eine asymmetrische Anfangssituation vorliegt, findet man höchstens
evolutionär beschreibbare Trial/Error-Sequenzen aber keine zielgerichteten
Handlungen. Keynes, der im Zuge seiner Börsenmarktuntersuchungen das Beispiel
eines Schönheitswettbewerbes heranzog, erkannte, dass das Antizipieren der
Marktentwicklung nicht mit rationalen Mitteln zu bewerkstelligen ist. Ein
rationaler Spieler versucht beim beauty contest immer, eine Ebene höher zu
denken als sein Gegner. Meist nimmt er an, er verfüge über bessere
Informationen. So funktioniert die Börse. Es kommt also darauf an, zu wissen,
was die anderen wissen beziehungsweise erwarten, unter der Berücksichtigung,
dass das eigene Wissen diese Erwartungen selber wiederum beeinflusst. In der
Systemforschung stößt man hier nicht auf eindeutige Optimierungslösungen, sondern
auf multiple oder zyklische Erwartungsgleichgewichte, auf chaotische oder
fraktale Attraktoren usw. Ein ,,rationaler‘‘ Spieler wäre dann der, welcher
eine evolutionäre Strategie fährt, was heißt, dass er sie immer wieder anpasst
und lernt. Und nicht zuletzt spricht der Rat der Wirtschaftsweisen in
Deutschland bei seinen Gutachten interessanterweise schon lange nicht mehr von
Prognosen, sondern nur noch von möglichen Szenarien.
Was in der Ökonomik, wie auch in
anderen sich mit Prognosen beschäftigenden Wissenschaften allerdings noch
fehlt, ist der radikale Schritt, die Paradoxie selber in den Mittelpunkt zu
stellen und ihr etwas Produktives für die Beschreibung des untersuchten
Geschehens, auf welches sich die jeweilige Wissenschaft bezieht, abzuringen. Zu
so etwas ist aber die Soziologie im Stande, die sich ihrer eigenen Paradoxie
doch immer (relativ) bewusst war, weil sie eben die Gesellschaft innerhalb der
Gesellschaft abzubilden versucht und darum im Gegensatz zur Ökonomik und
anderen Wissenschaften selber noch weiß.
[7]
Über den soziologischen
Blick wird dann klar, dass durch Paradoxien überhaupt erst das Geschehen kann,
was man gewöhnlich als Vollzug der Welt beziehungsweise als Werden bezeichnet
[8]
, und was für uns soviel
wie prozessieren, operieren von Kommunikation in struktureller Kopplung mit
psychischen und biologischen Systemen bedeutet. Jede Information, und darum
geht es auf Märkten, wenn man den Preismechanismus als Informationssystem
bereift, ist dann für den Soziologen im Grunde nur ein Unterschied, der einen
Unterschied macht (man denke an Derivate über Derivate über Derivate usw.).
[9]
Der Finanzmarkt, die
Börse, ja das ganze Wirtschaftssystem evolviert als Funktionssystem der
modernen Gesellschaft selbstreferentiell beziehungsweise in struktureller
Kopplung mit anderen Teilsystemen (Wissenschaft, Politik usw.). Es folgt einer
rekursiven Eigenlogik, die es beispielsweise in Form einer systemtheoretisch
informierten Hermeneutik mit einem eigenen Verstehensbegriff ohne Subjektbezug
aufzudecken gilt.
[10]
Eine solche Hermeneutik versteht sich als operative Beobachtung, bei der das zu
Verstehende im Akt des Verstehens uno-acto erzeugt wird und keine latenten
Strukturen vorausgesetzt werden, die es dann zu entdecken gäbe. Insofern ist
sie als Praxiologie zu verstehen. Wir kommen darauf zurück. Festzuhalten ist
erst einmal, dass die gewöhnliche Forschung heute zwar um die Bodenlosigkeit
von Erkenntnis weiß, aber weiterhin von Unwissen über Strukturen spricht. Das
passt nicht zusammen. Wir müssen hingegen den Begriff des Unwissens sabotieren.
Unwissen, in unserem Fall über die Zukunft, ist eine strukturelle Bedingung für
Wissen, nämlich das Unwissen über die Herkunft der Unterscheidung
Vergangenheit/Zukunft.
[11]
Wie konnte Sokrates
wissen, dass er nichts weiß? Verdeckt oder entparadoxiert man diese Paradoxie des
Wissens erfolgreich, kann man ein ganzes Reich an voneinander abgeleiteten
Erkenntnissen erzeugen (wie beispielsweise in der Physik aufgrund der
Konstruktion des Teilchenmodells, was das heutige Großexperiment in Cern erst
ermöglichte). Die Frage nach Wissen/Unnwissen ist für die Moderne überhaupt
eines der Hauptthemen geworden (man denke auch an Poppers Kumulationshypothese,
den Streit um den Aufklärungs- und Fortschrittsbegriff; den Streit um den
Begriff der Postmoderne usw.)! Das führte so weit, dass die heutige moderne Gesellschaft
ihre Zukunft in Form von Risiken erlebt.
[12]
Risiken werden in einem
Risikomanagement unterschiedlich bewertet, je nach dem, welche Unterscheidungen
wie gewichtet werden. Entscheidend ist, dass Risiken die Grundparadoxie sehr
erfolgreich verdecken, denn sie zwingen zu Entscheidungen über Entscheidungen,
und auf das Zwingen kommt es eben an.
[13]
Es muss weiter gehen!
Und so sieht man nun, dass sich
das Analysieren und Prognostizieren teleonomisch nur darum dreht, morgen wieder
prognostizieren zu können. In diesem Sinne ist der Weg das Ziel und insofern
ist Theorie immer auch Praxis. Der Prozess scheint zwar unabhängig vom Inhalt
der Prognosen. Das ist aber nicht so. Denn Prognosen sind immer
kontextgebundene Prognosen über kontextgebundene Prognosen, die erst über die Kontextgebundenheit
bis in den unendlichen Regress führen können. Baut sich solch eine
rückgekoppelter Vorgang, der seine Spezifik also immer aus dem konkreten Inhalt
der Prognose erlangt, auf, kann es wie schon gesagt dazu kommen, dass die
Bodenlosigkeit der ersten Prognose vergessen / verdeckt / invisibilisiert wird
und sich damit eine selbsterhaltende Kommunikationssequenz bildet. Diese
braucht nun als autopoietisches System nichts mehr aus der Umwelt, sie erzeugt
alles was sie braucht intern. Sie dreht sich um sich selber, macht sich selber
zum nichttrivialen System indem sie ihre nicht vorhandene Grundlage vergisst.
Sie kann nicht wissen, worüber sie nichts weiß, in unserem Falle von der
Relativität der Differenz Zukunft/Vergangenheit. Diese Differenz kann sie im
Moment des Beobachtens nicht beobachten (blinder Fleck). Deshalb führt jede
Rechtfertigung, z. b. dass es in der Menschheitsgeschichte schon immer um
Prognose ging, in die Irre. Wie auch immer! Alles worum es uns geht, ist, zu
zeigen, dass, wenn die Evolution beziehungsweise Kommunikationssequenz der
Prognosen erst mal am Laufen ist, immer wieder neue Unterschiede auftauchen,
die nichts weiter als einen Unterschied machen, der einen Unterschied macht.
Und so schafft sich ein System seine eigenen Probleme, deren Nutzen darin
liegt, dass sie eben gelöst werden müssen und sich das System aufrecht erhält.
Es muss wie gesagt weiter gehen und dafür ist eben gerade in der modernen
funktional differenzierten Gesellschaft gesorgt!
Was kann eine Zukunftsforschung
nun daraus lernen? Sie weiß heute zwar um die Kontingenz, aber nicht um ihre
eigene. Das kann sie mit der klassischen Logik und dem
Wahrscheinlichkeitskalkül
[14]
nicht fassen. Das
widerspräche jeglichem heutigem Forschungsverständnis. Zu welchen Irritierungen
dies führt, kann man an bestimmten Interpretationen der Quantenmechanik beobachten
(beispielsweise jene von Hugh Everett). Sie könnte aber von einer systemtheoretisch
informierten Hermeneutik (oben angesprochen) lernen, sich also selber
systemtheoretisch informieren und das Problem der Selbstreferenz ernst nehmen,
sich mithin als Praxis verstehen, nämlich als Theorie treibende Praxis.
[15]
Erst hier wird sie zur
Futurologie, versteht man hinter diesem Begriff wie wir eine selbstreflexive
Zukunftsforschung, die ihre eigenen logischen Grundlagen nicht apriorisiert.
Erst mit nicht-klassischen Loggien (wie jener Gotthard Günthers oder
Spencer-Browns) bekommt sie zu sehen, was sie anders nicht sehen könnte.
Nämlich dass sie als konventionelle Zukunftsforschung schon von sich aus ihre
eigene Geschichte nicht sehen kann. Der entscheidende Aspekt einer Futurologie
läge dann gerade darin, dass sie genau das, worum es ihr geht, nämlich
Kontingenz beobachten, auch für sich selber erkennt und sieht, wie das
Einschränken-Wollen von Kontingenz zugleich wiederum Kontingenz erzeugt. Der
Versuch Kontingenz auszuschalten scheitert wie bei Sisyphos. Für jeden
Statistiker und Mathematiker sein nur auf K. Gödel verwiesen, für andere auf A.
Camus, R. Musil usw. Es geht um den Vollzug der Operation des Prognostizierens.
Die Zukunft entsteht uno-acto beziehungsweise in Echtzeit mit der Bearbeitung
ihrer in der Gegenwart. Genau genommen gibt es gar keine Gegenwart.
[16]
Wir können mit einer
solchen Futurologie dann von einer reinen Praxiologie
[17]
sprechen, keiner
Zukunftserrechnung aus der Gegenwart, sondern einer Zukunftserzeugung als potentielle
Gegenwart. Der Unterschied zur Alltagspraxis liegt dann nur noch in der
vermeintlichen methodologischen Kontrolle. Das bedeutet für eine Futurologie,
dass sie die Welt beziehungsweise andere Beobachter im Bewusstsein des eigenen
blinden Fleckes, also selbstbewusst, mit eben kontingenten Unterscheidungen
beobachten kann/darf/muss
[18]
, doch ihre gewählten
Unterscheidungen mit höchster Transparenz offenlegen sollte.
[19]
Denn das ist, und ist eben
der einzige und eigentliche Unterschied der Wissenschaftspraxis zur Alltags-
oder Kunstpraxis. Natürlich ist damit keine Beliebigkeit gemeint.
Konstruktionen müssen sich in ihrem jeweiligen Bereich (Wissenschaft, Alltag,
Kunst usw.) an die immer schon vorhandenen Konstruktionen in diesen Bereichen
einpassen und können nur von da aus einen ,,Fortschritt‘‘, eine Neuheit
erzeugen, wollen sie in der jeweiligen ,,Szene‘‘ bejaht werden. Aber auch
Verneinung ist ein Kommunikationsanschluss, und Anschlüsse sind das einzige
Kriterium für den soziologisch-systemtheoretischen Verstehensbegriff. Eine den
Zufall verherrlichende Prognose bekommt dann innerhalb der Wissenschaft
höchstwahrscheinlich mehr Anschlüsse als eine auf Theologie setzende. Das heißt
aber nicht, dass sie besser wäre, sie gehorcht einfach nur der Eigenlogik
beziehungsweise Praxis ihres Bereiches, genau wie die theologische.
Wir sind hier mit einem solchen
operativen Konstruktivismus nahe an der Phänomenologie
[20]
, nur dass das Identische
für die Systemtheorie das Nichtidentische ist
[21]
, und nicht mehr von
Subjekten, die außerhalb der Kommunikation vorkommen, die Rede sein kann. Mehr
von einer Soziologie zu erwarten heißt, hinter sie zurückzufallen. Sie kann nur
beobachten, wie sie oder andere beobachten. Eine Futurologie, nach unserem
soziologischen Verständnis, kann dann nur die verschiedenen funktional
äquivalenten Zukunftsbeschreibungen (wie oben benannt beispielsweise
wissenschaftliche, theologische usw.) beobachten und aufzeigen, wie es dadurch
für die alles einschließende Gesamtgesellschaft zu relativ stabilen Eigenwerten
hinsichtlich der Zukunft kommt. Einer dieser Eigenwerte der modernen
Gesellschaft ist dann eben die Kontingenz.
[22]
Dass eine soziologisch
fundierte und sich als Praxiologie verstehende Futurologie mit ihrer
Untersuchung selber diese Eigenwerte beeinflusst, und darum eben noch weiß, ist
aber eben nicht ihr widersprüchlicher Fehler, sondern ihre eigentliche Berechtigung.
Denn die zweiwertige, Paradoxien ausschließende Logik hätte sie damit als
Spezialfall hinter sich gelassen. Sie weiß eben noch um die Kontingenz der
Kontingenz. Die Paradoxie ist also nicht der Fehler, sondern die Lösung! Oder
wie Luhmann für eine praxiologische Soziologie überhaupt schrieb: ,,die Aufgabe
der soziologischen Theorie [kann, O.K.] nur darin bestehen, .. die Form in die
Form hineinzuholen. Ihre Idee von Wahrheit bestünden dann nicht mehr in der
(geprüften und weiterhin überprüfbaren) Übereinstimmung ihrer Aussage mit ihrem
Gegenstand, sondern in einer Art Formkongruenz, oder anders gesagt: in einem
re-entry der Form in die Form. Man könnte auch, in Analogie zu Kunstformen,
sagen, daß die Soziologie die Gesellschaft in der Gesellschaft zu parodieren
hätte. Die kann, und kann nur, unter sehr strengen Voraussetzungen geschehen.
(Wir finden uns genau auf der Gegenposition zum ,anything goes‘, einem Konzept
für Kontingenz ohne Praxis). Die theoriekonstruktiven Anforderungen lägen ..
auf Gebieten, von denen die heutige soziologische Methodologie nichts ahnt.
Eine Theorie der modernen Gesellschaft .. würde ausschließlich auf eigenes
Risiko ausgeführt werden, und sie versucht zugleich ein Höchstmaß an
gesellschaftlicher Resonanzfähigkeit zu inkarnieren. .. Sie wäre ihre eigene
Methode. Sie wäre .. in dieser Weise ein Modell der Gesellschaft in der
Gesellschaft, das über die Eigenart dieser Gesellschaft in-formiert.‘‘
[23]
[1] Man denke beispielsweise an G.
H. Mead oder N. Elias.
[2] Siehe dazu u. a. Koselleck, R. (1979): Vergangene
Zukunft: Zur Semantik geschichtlicher Zeiten. Frankfurt am Main; Luhmann, N.
(1991): Schwierigkeiten bei der Beschreibung der Zukunft, Frankfurter
Allgemeine Zeitung vom 02. Jan. 1991, nachgedruckt in: Albert Arnold Scholl
(Hg.), Zwischen gestern und morgen, München, S. 56 - 59.
[3] Nicht nur die Lösung für
Probleme hängt von gesellschaftstrukturellen Bedingungen ab, auch die Erzeugung
der Problemstellung selber. Das entspricht einem soziologischen
Funktionalismus, der beide Seiten, Problem und Problemlösung, kontingent setzt.
[4]
So Spencer-Brown, G.
(1957): Probability and Scientific Inference.
London.
[5] Doch der traditionelle
Kausalitätsbegriff benötigt bekanntermaßen die Figur der zeitlichen Asymmetrie
zwischen Ursache und Wirkung.
[6] Siehe u. a. Esposito, E. (1992): L’operazione di osservazione. Construttivismo
e teoria die sistemi sociali. (dt.: Die Operation der Beobachtung). Diss.
Bielefeld 1991. FrancoAngeli, Milano. Am Rande sei hier auf ein
noch nicht wirklich gelöstes Theorieproblem hinsichtlich des Verhältnisses von
System- und Evolutionstheorie hingewiesen: Zeit ist systemtheoretisch in erster
Linie als interne Struktur sozialer Systeme zu verstehen, die Differenzen
benutzten, um die eigenen Selektionen zu komplexifizieren. Insofern fragen wir:
Wozu beziehungsweise Warum Zeit beziehungsweise Zukunft? Uud nicht ontologisch:
Was ist Zeit / Zukunft? Man muss den Zeitbegriff jedoch in Wirklichkeit
zweigleisig verstehen und zwischen einer operativen und einer beobachteten Zeit
unterschieden (dazu Esposito,
E. (2006): Zeitmodi. In: Soziale Systeme 12, H2, S. 328-344; und
insbesondere Nassehi,
A. (1993): Die Zeit der Gesellschaft. Westdeutscher Verlag: Opladen). Im
operativen Verständnis ist Zeit, ebenso wie die Begriffe Welt, Realität und
Sinn, ein differenzloser Begriff. Jedenfalls ist Zeit nur mit Zeit beobachtbar
und nicht in Echtzeit, und darum geht es uns hier nur.
[7] Siehe dazu u. a. Fuchs, P. (1992): Die Erreichbarkeit
der Gesellschaft. Zur Konstruktion und. Imagination gesellschaftlicher Einheit.
Frankfurt am Main; Kieserling, A. (2004): Selbstbeschreibung und
Fremdbeschreibung. Beiträge zur Soziologie des soziologischen Wissens.
Frankfurt am Main.
[8] Offenheit durch
Geschlossenheit ist das Schlagwort. Paradoxien blockieren nicht, sie lösen
geradezu.
[9] So definiert sich der
Informationsbegriff nach G. Bateson. Siehe dazu u. a. Baecker, D. (1991): Die
Beobachtung der Paradoxie des Geldes. In: Gumbrecht, H. U. / Pfeiffer, K. L.
(Hg.): Paradoxien, Dissonanzen, Zusammenbrüche. Situationen offener
Epistemologie. Frankfurt/M., S. 174-186; Baecker, D. (1999): Die Preisbildung
an der Börse, In: Soziale Systeme 5, H2, S. 287-312; oder Esposito, E. (2007):
The Time of Money. In: Soziale Systeme 13, H1+2, S. 267-276.
[10] Siehe dazu u. a. Luhmann, N. (1991): Wie lassen
sich latente Strukturen beobachten? In: Watzlawick, P. / Krieg, P. (Hg.): Das
Auge des Betrachters. Beiträge zum Konstruktivismus. Festschrift für Heintz von
Foerster. München / Zürich, S. 61-75; Luhmann, N. (1991): Sthenographie und
Euryalistik. In: Gumbrecht, H.-U. / Pfeiffer, K. L. (Hg.): Paradoxien,
Dissonanzen, Zusammenbrüche. Situationen offener Epistemologie. Frankfurt/M.,
S. 58-82; und insbesondere Nassehi, A. (1997): Kommunikation verstehen. Einige
Überlegungen zur empirischen Anwendbarkeit einer systemtheoretisch informierten
Hermeneutik, in: Tilmann Sutter (Hg.): Die Beobachtung verstehen, das Verstehen
beobachten. Perspektiven einer konstruktivistischen Hermeneutik, Opladen:
Westdeutscher Verlag 1997.
[11] Siehe Luhmann, N.
(1992): Ökologie des Nichtwissens. In: Ders.: Beobachtungen der Moderne,
Westdeutscher Verlag: Opladen, S. 149-220.
[12] Siehe Luhmann, N. (1992): Die
Beschreibung der Zukunft. In: Ders. (Hg.): Beobachtungen der Moderne. Opladen, S. 129-148.
[13] Siehe Luhmann Luhmann,
N. (1991): Soziologie des Risikos. Westdeutscher Verlag: Opladen.
[14] Siehe dazu Esposito, E.
(2007): Gegenwärtige Zukunft und künftige Gegenwarten. In: Dies.: Die Fiktion
der wahrscheinlichen Realität. Frankfurt am Main, S. 50-67.
[15] Theorie/Praxis;
Theorie/Empire; Theorie/Methode usw. sind alles systemintern erzeugte
Unterscheidungen.
[16] Man kann höchstens von
einer Gesellschaft der Gegenwarten sprechen, so Armin Nassehi u. a. 1997: In jeder
Gegenwart muß neu begonnen werden! Ein Gespräch mit Armin Nassehi, in: Theodor
M. Bardmann (Hg.): Zirkularität als Standpunkt, Opladen: Westdeutscher Verlag
1997.
[17] Man denke damit neben
Luhmann auch an P. Bourdieu (siehe Nassehi, A. / Nollmann, G. (2004) (Hg.): Bourdieu und
Luhmann. Ein Theorienvergleich, Frankfurt am Main).
[18] Draw a distinction!,
heißt die Aufforderung bei Spencer-Brown.
[19]In der Ökologiedebatte
vermisst man (zumindest in den Medien) den Blick auf die unsicheren
wissenschaftlichen Grundlagen. Ist der Mensch nun Schuld an der Klimaerwärmung
oder nicht? Die Grundlagen der statistischen Forschung usw. liegen jedoch so
weit entfernt, dass sie medial nicht berücksichtigt werden können. Die These
wäre: Weil sie nicht berücksichtigt werden (können), und das ist
gesellschaftsstrukturell bedingt, ist die Kommunikation über Ökologie möglich
und wird sich fortpflanzen. Das sogenannte Scheitern von Kopenhagen 2009 anhand
der Free-Rider-Problematik zu erklären führt also zu kurz!
[20] Siehe u. a. Luhmann, N.
(1997): Die neuzeitlichen Wissenschaften und die Phänomenologie (Vortrag im
Wiener Rathaus von 25. Mai 1995). Wien, EA: 1996; und Nassehi, A. (2008): Phänomenologie und Systemtheorie, in: Jürgen Raab, Michaela
Pfadenhauer, Peter Stegmaier, Jochen Dreher und Bernt Schnettler (Hg.):
Phänomenologie und Soziologie. Positionen, Problemfelder, Analysen, Wiesbaden:
VS-Verlag 2008.
[21] Es geht um die Differenz
der Einheit und nicht um die Einheit der Differenz. Differenz, nicht Einheit
ist also der ,,Letztbezug‘‘.
[23] Siehe Luhman, N. (1993): Was ist der
Fall? Was steckt dahinter? Die zwei Soziologien und die Gesellschaftstheorie.
Bielefelder Universitätsgespräche und Vorträge 3 (Abschiedsvorlesung Luhmanns
in Bielefeld), herausgegeben von der Presse- und Informationsstelle der
Universität Bielefeld, Bielefeld und in: Zeitschrift für Soziologie 22, S. 245
– 260, hier S.258f.
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